Gletscher, Sturzbäche, Edelweiß

Sonntag, 14.08.2012

Tatsächlich ist am nächsten Morgen um diese Zeit bei schönstem Wetter die Stube voll mit mehr verschlafenen als hungrigen Bergsteigern.

Ich schlage mir in aller Ruhe den Bauch voll und laufe los, in Vorfreude auf die Königsetappe der Tour. Mindestens ein voller Tag im Hochgebirge liegt vor mir, und zuerst geht es auf dreitausend Meter zum Vorderen Umbaltörl. Von dem Gletscher, der auf meinen Karten eingezeichnet ist, sehe ich nur noch Reste.

Auf dem kaum markierten Weg über metergroße Felsblöcke kommt mir eine Frau entgegen. Ihr war der Weg zu unheimlich. In einem kurzen Gespräch finden wir heraus, dass wir uns heuer schon begegnet sein müssen. Wir waren am Ostermontag an der Benediktenwand unterwegs – in entgegengesetzter Richtung – bei tiefem Schnee.

Unheimlich? Nachdem die Frau weitergegangen ist, werfe ich einen Blick nach unten. Der fällt zwischen die Steinblöcke, auf denen ich balanciere, auf … Eis. Die Karte hat doch recht: Ich laufe über einen Gletscher. Das erklärt die grobe Struktur des Wegs und die spärliche Markierung.

Dieser Abschnitt der Etappe ist – bis auf die Weideroste an anderen Tagen – der einzige Abschnitt meiner Tour, auf dem ich die festen Bergschuhe vermisse. Ständig auf Felskanten zu laufen, strengt mit festen Schuhen deutlich weniger an. So bin ich vorerst nicht schneller unterwegs, als ich mit Bergschuhen wäre.

Hier oben bin ich auf Augenhöhe mit vielen noch mit Gletschern bedeckten Gipfeln. Der höchste, leicht im Hintergrund, müsste der Großvenediger sein.
Auf meiner Strecke sehe ich deutlich an den glatt geschliffenen und noch nicht bewachsenen Felsplatten, dass sich das ewige Eis hier erst vor kurzer Zeit verabschiedet hat. Wie muss es hier vor 30 oder gar 50 Jahren ausgesehen haben?

Zügig folge ich den rot-weiß-roten Markierungen in die von Flechten grün schimmernde Region hinab, in eine Wegspur, die bald wieder von Gras gesäumt ist. Von der solid gemauerten Kleinen Philipp-Reuter-Hütte (einem nicht bewirtschafteten Biwak) aus hat man einen schönen Blick über das lange mit weißen Gipfeln gesäumte fast leere Tal unter dem Großvenediger. Ich stelle mir die dicke Eiszunge vor, die dieses einst gefüllt und geformt hat. Jetzt sieht man davon nur noch die weißen Spitzen und zwei kleine milchige Seen im Talgrund.

Eis schmilzt und wird zu Wasser, das hier in lebhaften Bächen den Hang hinunterstürzt. Da weit und breit kein Steg zu sehen ist, und ich großen Respekt von der Kraft des tosend rauschenden Wassers habe, suche ich umsichtig nach ausreichend sicheren Übergängen über fest anmutende Steine und flache Wasserstellen.

Bald sehe ich ein gutes Stück tiefer vor mir im Talgrund die Clarahütte. Zwar verliere ich zwischendurch den markierten Weg, aber das Tal ist so übersichtlich und regelmäßig geformt, dass ich keine Bedenken habe, das nächste sichtbare Wegstück direkt anzusteuern.
An der gut besuchten Clarahütte unterhalte ich mich beim Mittagessen mit verschiedenen Wanderern. Einem erkläre ich, dass die Kleine Philipp-Reuter-Hütte schön gelegen aber nicht bewirtschaftet ist.

Weil es zur Neuen Reichenberger Hütte recht weit ist, und ich nicht weiß, was mich bis dort erwartet, mache ich mich frisch gestärkt zügig auf den Weg. Dieser ist vom Charakter her anders: Hier ist alles grün. Das macht einen sanfteren Eindruck. Dabei sind die Abhänge nicht weniger steil. Dafür sind die Anstiege nicht gar so heftig. Ich laufe einen gewaltigen Hügel entlang stetig nach oben, in einer Spurrinne, die frisch stufenweise mit Grassoden ausgelegt ist. Da hat sich jemand die Mühe gemacht, mit einem Spaten bewaffnet ein langes steiles Stück angenehmer zu gehen und vorübergehend erosionssicher zu machen.

Die Umgebung ist übersichtlich: Tief, immer tiefer unter mir ist ein Graben, in dem ein kleiner Bach fließt. Der Hügel gegenüber ist genauso grün, und recht bald erscheint auch vor mir, nach einer Gruppe gut gelaunter junger Wanderer, die ebenso das schöne Wetter genießen, ein gewaltiger grüner Berg. Tief vor und unter mir sehe ich die Kreuzung, von der aus ich laut Karte nur dem Tal nach links folgen müsste, um an mein Tagesziel St. Jakob zu kommen.

Weniger weit unten sehe ich Edelweiß. Woher kommt nur der Mythos, diese Pflanze gebe es nur einsam in abgelegenem Fels? Ich kenne diese pelzige Blume nur als geselligen Wiesenbewohner, der sich die sonnigsten Plätze sucht.

An einer Biwakhütte geht es links weiter mäßig steil zu einem sanft gerundeten Sattel. Ich bin an einem der höchsten Punkte meiner Alpenquerung, aber alles wirkt hier einfach unspektakulär und friedlich. Und es ist flach und schön zu laufen. Von hier aus könnte ich eine grandiose Gipfelrunde starten, mit lächerlich wenigen Höhenmetern. Aber die Wettervorhersage ist so schlecht, dass ich auf dem schnellsten Weg, einer sehr langgezogenen Linkskurve, zur Neuen Reichenberger Hütte jogge.

Die liegt einfach herrlich, mitten auf einer Wiese, die von mäßig hohen Bergen umgeben ist, deren Gipfel man mit einem ausgedehnten Morgenspaziergang abwandern könnte.

Es ist schon sehr ruhig. Die wenigen verbliebenen Gäste sind zum Übernachten hier. Wenn nicht die Wettervorhersage so schlecht wäre, würde ich auch hier mein Nachtlager beziehen. Aber einen Regentag verbringe ich lieber im Tal, in einer Ortschaft.

Als schneller Bergabläufer müsste ich ohne große Hetze bis Sonnenuntergang die Forststraße nach St. Jakob erreichen können. Ohne Brotzeitpause suche ich mir den tieferen der beiden Wege ins Tal aus, und renne in der steinigen Rinne los. Zwei gehetzt wirkende Wanderer überhole ich bald, dann bin ich allein, nähere mich langsam, aber immer in Sichtweite und stetig, dem Graben weit unter mir, der laut Karte zum Ziel weist. Auch als ich die Waldgrenze erreiche, ist es noch ganz hell. Ich war sauschnell. Die Frühabendstimmung im Bergwald ist märchenhaft.

An der nächsten Jausenstation, am Anfang der Forststraße, sitzen sogar noch Gäste draußen. Ein Stück weit weiche ich noch einmal von der Straße ab und folge einem schönen Wanderweg. Irgendwann bin ich dann auf Asphalt und sehe Wohnhäuser, fast eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit. Vor einem größeren Bauernhaus sehe ich zwei Leute auf der Straße, die sich am Zaun mit einer älteren Dame unterhalten. Die frage ich, ob sie in der Nähe etwas zum Übernachten wüssten. Die Frau vom Haus bittet mich, zu warten, verschwindet kurz, und bittet mich dann, auf der anderen Seite des Anwesens zu fragen. Ich bin in einem Berggasthaus hoch über St. Jakob gelandet, einem stattlichen Anwesen mit einer grandiosen Aussicht über die Villgratener Berge, also meine nächste Etappe!

Im Gastraum frage ich eine adrette, frisch ergraute Dame, die mein Alter haben dürfte, ob noch ein Bett frei sei. Frei ist noch was, Moment …

Mein Zimmer wirkt frisch renoviert und hat sogar eine eigene Dusche. Ich beeile mich, damit ich von der Gaststube aus noch etwas von dem wunderschönen Bergblick mitkriege.

Die grünen, mit Felsen gesäumten Hügel unter dem Abendhimmel sind nicht weit weg, aber recht hoch und weiträumig, und wenn man nach unten schielt, sieht man die Dächer und Lichter von St. Jakob. Ich freue mich auf den Lauf, so anstrengend er auch sein wird. Morgen soll es regnen? Abwarten. Noch herrscht da drüben eine Abendstimmung wie aus dem Bilderbuch.

Ich esse und genieße schöne große Portionen, um mich von heute zu regenerieren und für morgen zu stärken. Für den Nachtisch, den ich meistens ignoriere, lasse ich mich von der Bedienung beraten. Die frage ich auch, was ich im Fall des angekündigten Wettersturzes machen könnte. Sie empfiehlt mir eine Wandertour in Talnähe.



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