Zugabe: Durch das Land von Franz dem Bären

Sonntag, 21.08.2011

Ich schlafe tief und lang und wache bei strahlendem Sonnenschein auf. Ich sehe den blauen Himmel und das malerisch schöne Dorf – und buche eine zweite Nacht.

Inzwischen habe ich den Plan verworfen, einen möglichst großen Teil der Laufstrecke zu erkunden. Das hat den Vorteil, dass ich in Summe mehr sehe, jetzt Strecken, die ich sonst nie sehen würde, und die Rennstrecke spätestens beim Wettkampf.

Ich bekomme auch Tipps, wo es besonders schön ist. Das ist zwar auf der Karte nur teilweise als Wanderweg eingezeichnet, aber ich habe ja den ganzen Tag Zeit.
Anfangs laufe ich über Wirtschaftswege zwischen Wiesen, was mir vom nördlichen Alpenrand vertraut vorkommt. Bald bin ich aber im Wald, vorwiegend auf Hohlwegen, die sogar beschildert sind, aber nicht mit Alpenvereinssektionsschildchen, sondern altmodischen Holztafeln mit einer spitzen Seite, die zu einer Ortschaft oder dergleichen weist. Das hier sind keine alpintouristischen Wanderwege, sondern alte, streckenweise mit Steinmauern befestigte Verbindungssträßchen zwischen einsam gelegenen Ansiedlungen.

Recht bald gelange ich auf eine große Lichtung, wo eine Alm zu einem gepflegten Bivacco umgebaut worden ist, aber vom Zustand und der Größe her auch ein ausgewachsenes Bauernhofanwesen sein könnte. Völlig still ist es hier. In einem Blumenkasten wohnt eine Geranienfamilie, die mit einem Spruch um eine Wasserspende bittet. Zum Leben muss das gut reichen, wie man den Blüten ansieht, was man aber bei der flirrenden Hitze kaum glauben kann. Ich spende auch einen Schluck.

Durstige Geranien

Geranien bitten um eine milde Gabe

Einer Übersichtstafel entnehme ich, dass hier einige Wege zu historischen Orten abzweigen müssen. Angesichts meiner leeren Wasserflasche entscheide ich mich für den Ort “Quelle”.
So nah wie auf dem Lageplan ist der Platz nicht, aber der Weg durch den Laubwald mit dem schummrigen Licht und dem raschelnden Boden gefällt mir.

Tatsächlich finde ich an einem einsamen aber schön gelegenen Kletterfelsen eine liebevoll mit einem Eisenröhrchen gefasste Quelle, wo ich endlich meine Wasserflasche nachfüllen kann. Von diesem Platz aus sieht man im grünen Dschungel Nachbarhütten, die wohl einige Gehstunden entfernt sind. Ich versuche, mit Hilfe der Karte deren Namen herauszufinden, und irgendwie eine räumliche Vorstellung von dieser versteckten Welt zu bekommen.

Ab hier geht es vorwiegend auf kaum erkennbaren aber markierten Pfaden durch verwelkende Wiesen und lichte und dichte Wäldchen bergauf und bergab. Ich treffe sogar einen Wanderer. Und irgendwann sehe ich wieder Gebäude. Ich bin genau in der angepeilten Ortschaft Campone gelandet – und wieder auf der offiziellen Laufstrecke.

Hier ist es viel heißer als im schattigen Wald. Ich suche Wasser und etwas zum Mittagessen. Wasser finde ich in einem kleinen Park neben der malerisch umbauten kurvigen Landstraße, ein Gasthaus auch. Da mich die Leute dort ignorieren, vermutlich wegen Mittagspause, laufe ich weiter.
Ich möchte dem Roadbook rückwärts bis zu meiner Bleibe in Tramonti di Sotto folgen. Da habe ich erst einmal einen asphaltierten leichten Anstieg, bis ich am Ende der Straße das Outback betrete. Erst geht es wie am Morgen über Feld- und Hohlwege, die zum Teil mit dick mit Moos und Flechten bewachsenen niedrigen Mauern eingefasst sind, bis zu ein paar buchstäblich verfallenen Anwesen. Einige Dächer scheinen frisch eingestürzt zu sein. Ich traue mich kaum näher ran, da jeden Moment auch eine Mauer in sich zusammenfallen könnte.

Das letzte Haus war noch im Wald, danach laufe ich durch eine Steinwüste. Nein, erst muss ich mich noch durch dichtes Gestrüpp kämpfen. Hier soll ein Wettlauf stattfinden? Die schnellsten Läufer sollten da eine Machete mitnehmen. Gerade als ich das denke, sehe ich einen Schuhabdruck. Der hat genau das gleiche Profil wie meiner. Und ich bin ganz sicher zum ersten Mal hier, und bestimmt nicht im Kreis gelaufen.

Das Gestrüpp lässt nach, der Pfad wird steiler, bergauf und bergab, ich bin so durchgeschwitzt, dass mir die Hitze in dem Schotterkessel nichts mehr ausmacht. Es ist einfach schön.

An einem trockenen Bachbett sehe ich mehrere Abzweigungen. An meiner baue ich einen Steinturm. Vielleicht sehe ich den in sieben Wochen wieder.
Beinahe plötzlich wird es schattig und grün, und bald sehe ich ein Haus. Der Weg endet auf dem gepflegten Rasen eines großen Landhauses. Ab hier fällt es mir schwer, den beschriebenen Weg zu finden. Immer wieder lande ich im Dickicht. Auf der hundert Meter entfernten Straße wäre es leichter, aber ich habe Zeit und nur noch wenige Kilometer vor mir.

Viel zu früh lande ich wieder in meinem Hotel. Den restlichen Tag nach der kühlen Dusche nutze ich für eine gründliche Ortsbesichtigung und Fotos von den lustigen Figuren, die überall herumstehen. Zurzeit läuft hier ein künstlerischer Wettbewerb.

Im Restaurant sitzen heute alle draußen. Ich finde gerade noch einen Platz an einem der großen Tische. Einem netten Radfahrer, der sehr gut deutsch spricht, erzähle ich, dass ich morgen, am Montag, mit dem Zug nach München in Deutschland zurückfahren will. Der kommt später noch einmal am Gasthaus vorbei. Er hat tatsächlich im Internet nach Fahrtmöglichkeiten für mich recherchiert. Ich vermisse die Verbindung über Verona. Und über Villach scheint etwas nicht zu stimmen: Hier muss man zwischendurch einen Bus nehmen. Am Ende bleibt nur eine sinnvolle Alternative: mit dem Nachtzug von Venedig nach München; Ich kann auch in Pordenone zusteigen.

Beim Rotwein nach der Abendpizza nach der Costata del Manzo lese ich im Hausprospekt, dass in genau dieser Ecke Franz der Bär wohnt. Ich vermeide, mir vorzustellen, wie Franz mir freundschaftlich eine Tatze um die Schulter legt, und dabei Stück für Stück jeder einzelne Knochen meines Läufergerippes zerbröselt.



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