Das Brett

Immerhin ist die Lage noch hoffnungsvoll. Die Verletzung ist zwar gefährlich, aber offensichtlich sind nur Knochen gebrochen, und die können wieder zusammenwachsen. Und bis dahin ist eine fachgerechte ärztliche Versorgung gewährleistet, nachdem der Weg ins Krankenhaus geschafft ist. Was jetzt noch kommt, ist nur eine Zeitfrage. Die Wirbel müssen zusammenwachsen. Dass dabei alles richtig läuft, dafür sorgen die Ärzte. Einer davon kommt gerade, gefolgt von den beiden Freunden und noch zwei Männern, wahrscheinlich Pflegern. Jedenfalls tragen sie ein großes, längliches Brett. Der türkische Freund Saids dolmetscht und erklärt. Der Orthopäde hat empfohlen, ein Brett unter die Matratze zu schieben, das ist besser bei einem gebrochenen Rücken. Sonst kann es Schwierigkeiten geben. Da könnte er recht haben. Der Schmerz im Rücken schaukelt sich immer stärker auf. Auf einem Brett, zum Beispiel auf dem Schiff oder im Tal der Schmetterlinge, und sogar auf der Leiter hat der Rücken wesentlich weniger weh getan. Gut, dass einer da ist, der sich auskennt.

Said erklärt, wie es weitergeht. Wir helfen dir jetzt auf einen Stuhl, da kannst du sitzen, bis wir das Brett unter die Matratze geschoben haben. Aber der Orthopäde hat gesagt, dass ich mich nicht bewegen soll. Und hinsetzen darf ich mich schon gar nicht. Said wird streng. Du musst jetzt Kraft haben. Es ist wichtig, ein Brett unterzulegen. Das hat der Orthopäde auch gesagt. Wie sollen wir das sonst machen? Es ist ja auch kein Problem. Wir helfen dir ja zu dem Stuhl. Da kannst du sitzen und dich ausruhen, während wir das Brett unterlegen. Das geht schon. Du musst Kraft haben. Du darfst dich jetzt nicht aufgeben und liegenbleiben. Said meint es ja gut. Das Problem ist nur, dass ich nicht sitzen darf. Der Orthopäde hat das streng verboten. Das reicht Said nicht. Du musst jetzt Kraft haben. Es ist ja nur für eine kurze Zeit, und wir helfen dir. Mach die Sache doch nicht so schwierig. Sei tapfer wie im Tal der Schmetterlinge, als du allein auf den Knien über die Felsen geklettert bist. Du musst jetzt Kraft haben.

Oje. Er scheint immer noch nichts kapiert zu haben. Ach Said, Kraft und Tapferkeit nützen nur, wenn sie einem lohnenden Ziel dienen. Das Ziel ist zwar im Moment, dem Pfleger dabei zu helfen, das Brett unterzuschieben. Dabei verlierst du aber das Ziel aus dem Auge, das auch der Pfleger eigentlich verfolgt, nämlich dass der Rücken möglichst wenig bleibende Schäden davonträgt. Zu diesem Zweck ist es streng verboten, sich hinzusetzen. Ihr alle meint es gut, wollt helfen. Das ist schön. Kraft haben, gut. Aber die Kraft muss jetzt darauf gerichtet werden, die Hilfsbereitschaft so zu lenken, dass sie keine Katastrophe verursacht. Es sieht so aus, als würde das noch ein harter Kampf, der tatsächlich noch viel Kraft erfordert. Die innere Stimme sagt, dass es sinnlos ist, Said das mit Worten zu erklären. Da fände er Gegenargumente, die auf Sachzwänge aufbauen, die sich auf die Rolle des diensthabenden Arztes als einzigen im Augenblick verfügbaren Experten berufen. Es muss irgendwie anders gehen.

Du musst Kraft haben. Er meint es ja gut. Er will den Kampfgeist wecken. Aber wie kann man es vermeiden, diesen Kampfgeist zur Selbstzerstörung einzusetzen, es vermeiden, sich hinzusetzen? Fliegen? Die Geduld der drei wird wohl nicht unbegrenzt sein. Früher oder später fragen sie nicht mehr lange und packen zu. Dann ist es zu spät, so gut sie es auch meinen. Damit ist dann keinem geholfen. Aber wie kommt man ihnen zuvor? Du musst Kraft haben. Gleich nach dem Unfall hat es der Rücken auch aushalten müssen, aufgerichtet zu werden. Liegenbleiben wird auf keinem Fall geduldet werden. Und an dem Stuhl kann man sich auch zum Stehen festhalten. Aber wie steht man auf, ohne den Rücken zu verformen? Im Tal ist es auch gegangen, aus der Bauchlage. Es gibt also eine Möglichkeit. Aber wie erklärt man das als Kranker drei Experten? Du musst Kraft haben. Also gut.

Ich gehe zum Stuhl. Ich stehe selbst auf. Das gefällt Said schon besser. Bravo! Sehr gut. Wir helfen dir. Danke. Hoffentlich lässt sich das weitgehend vermeiden. Wenn mehrere Leute an einem zerren und schieben, ist es sicher nicht ganz leicht, gerade zu bleiben. Javash, javash, langsam, langsam, ich drehe mich zuerst auf den Bauch. Wenn man in einer weichen Matratze versunken ist, ist es zwar nicht so leicht, sich ohne Verwindungen zu drehen, wie auf einem Felsen oder einem Brett, aber wenn man sich ganz stur steif macht und nur mit den Armen und Füßen im Gleichklang anschiebt, ist auch das zu schaffen. Währenddessen ist es natürlich nötig, die Helfer wiederholt um Geduld zu bitten, bevor sie voreilig helfend einschreiten.




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