Eine Nacht in Bursa

Die Nacht

Der Rückweg verläuft recht schweigsam. Im Haus setzen sich die Männer wieder ins Wohnzimmer. Omar kommt gleich zum Thema, mit einer guten Nachricht. Ich habe meine Frau gerade gefragt, ob du ihr gefällst. Du gefällst ihr. Sie ziert sich allerdings. Aber wenn du ihr gefällst, ist das kein Problem. Du wartest einfach, bis sie schläft, und kommst dann, etwa nach ein Uhr.

Ja, ja, eigentlich will sie dich, aber sie geniert sich. Da braucht man kein angehender Sozialwissenschaftler zu sein, um nachvollziehen zu können, wie der Schlawiner zu diesem Schluß gekommen ist, ohne zu lügen. Sicher hat er sie zuerst gefragt, ob ihr der Fremde gefällt. Was soll sie da bitte antworten? Soll sie seinen Gast beleidigen? Dann hat er ihr wohl eröffnet, daß sie ihm auch gefällt, daß er sie sicher gerne in dieser Nacht nimmt und daß er sich auch schon darauf freut. Was Omar dann darunter versteht, daß sie sich geniert, liegt bestimmt nicht allzu weit von ihrer tatsächlichen Reaktion auf sein großzügiges Angebot entfernt.

Nach ein Uhr? Das wären noch über drei Stunden. Da schläft sicher nicht nur seine Frau. Bei seinen Englischkenntnissen könnte er aber auch „nach einer Stunde“ gemeint haben. Auf türkisch hört sich das sehr ähnlich an, und vielleicht kennt er auf englisch nur die Uhrzeiten und nicht das Wort für Stunde. Aber wie soll man das um diese Uhrzeit klarstellen? Und was sollte überhaupt der Aufwand, wenn man schon beschlossen hat, auf sie zu verzichten. Vielleicht versteht er die moralischen Skrupel inzwischen besser.

Aber sie ist deine Frau. Richtig. Ich kann doch nicht mit deiner Frau schlafen. Das ist kein Problem. Du gefällst ihr. Und wenn du nächstes Jahr wiederkommst und fünf Nächte bleibst, kannst du sie fünfmal haben.

Aussichtslos.

Jetzt hilft nur noch das sprachliche Mißverständnis, etwa so: Ich wollte bis ein Uhr warten, wie du gesagt hast, aber ich muß wohl eingeschlafen sein. Die Reise hat mich einfach so ermüdet. Da wird nicht einmal eine Lüge nötig sein.

Schau, das ist das Buch mit meinen anderen Gästen. Er hat ein rotes Poesiealbum hervorgezogen und zeigt ein paar Adressen: aus Neuseeland, Australien, Jugoslawien, Frankreich und und und … Er hatte offensichtlich wirklich schon Gäste aus aller Welt. Ob die etwa auch die Ehre hatten, mit seiner Frau oder mit ihm selbst … United Nations of Tripper.

Und jetzt steht auch eine Adresse aus Deutschland in dem Buch. Er schreibt natürlich auch seine auf. Und schreib einmal und schick mir ein Foto von dir und deiner Familie. Am besten schreibst du an diese Adresse. Denn hier werde ich wohl nicht mehr lange wohnen. Vermutlich ist diese Wohnung einfach zu teuer. Aber das würde er wohl nie zugeben. Er schreibt seine Adresse auf. Bevor er damit fertig ist, denkt er kurz nach, murmelt etwas, meint, daß es wohl doch besser sei, an die momentane Adresse zu schreiben, übermalt die andere mit kräftigen Kugelschreiberstrichen bis zur absoluten Unleserlichkeit und setzt die aktuelle Adresse darunter. Vermutlich weiß er noch nicht genau, wann er eine günstigere Wohnung finden wird. Der Brief wird hoffentlich irgendwie ankommen.

Während Omar die Adresse aufschreibt, wird sein Blick immer nachdenklicher. Danach und nach kurzem Schweigen erteilt er noch letzte Instruktionen für die kommende Nacht. Meine Frau hat heute fast nichts zu abend gegessen. Bei ihr bedeutet das, daß es heute sehr riskant ist, wenn man in sie hineingeht. Er macht eine unzweideutige Handbewegung und deutet dann auf seinen Bauch. Daher sollst du nur daran vorbei … Er fährt mit seinem rechten Zeigefinger an der Öffnung zwischen dem linken Daumen und dem linken Zeigefinger vorbei. Verstehst du? Ja. Gut. Du mußt wissen, eigentlich ist es immer ein Problem, wenn man hineingeht. Und wenn du keine Lust hast und nicht kommst, dann mache ich es ihr, das ist kein Problem. Beim letzten Satz wird sein Gesichtsausdruck noch ernster.

Bald nach dieser Lektion über Verhütungsmethoden bringt seine Frau ein paar Matratzen, eine Bettdecke, Kopfkissen und ein Laken. Das alles wird auf dem Wohnzimmerboden zu einem Lager zusammengefügt. Ist es O.K.? Komfortabel. Gut, das Zimmer zum Waschen ist geradeaus, und die Toiletten sind rechts gegenüber. Warte, ich zeige dir. Am besten ziehst du diese Schuhe an, wenn du da reingehst. Er deutet auf zwei Paar Plastikbadeschlappen, die auf dem gefließten Boden gleich neben der Tür stehen.

Im Bad ist gerade meine Frau. Willst du inzwischen etwas essen? Bist du hungrig? Nein, danke. Doch, komm mit. Er geht in die Küche und holt die Schüssel mit den restlichen Auberginen vom ersten Abendessen. Kalte Auberginen – Erinnerungen an unvergnügliche Stunden auf Stehklos, auf Sitzklos, in Sandmulden und in Obst- und Gemüsegärten werden wach. Wußten Sie, daß nach mehrmaligen einschlägigen durchschlagenden Erfahrungen der Darm auch auf die bloße Vorstellung von bestimmten Lebensmitteln reagieren kann? Dabei schmeckt das Gemüse gar nicht schlecht. Danke, ich habe wirklich keinen Hunger. Ich kann dich nicht zwingen, etwas zu essen. Gute Nacht. Und warte etwas, meine Frau wäscht sich gerade.

So, das wär’s. Die beiden gehen zu Bett, und der blonde Gast darf in einer Stunde nachkommen, oder um ein Uhr, je nachdem, wie das gemeint war. Was macht Omar eigentlich dann? Will er zusehen, um etwas über mitteleuropäische Kultur zu lernen? Zieht er sich inzwischen in ein anderes Zimmer zurück? Ist er auf einen Dreier aus? Das ließe sich ganz leicht herausfinden. Aber die Aussicht auf eine Nummer zu dritt ist nicht allzu erregend. Und die Möglichkeit, daß einer dabei danebenliegt, macht auch nicht gerade heiß. Vielleicht mischt er sich auch noch ein. Gib ihr! Das hätte ich auch noch gekonnt! Und du hast ihn wirklich nicht drin? Reiß dich zusammen! Macht’s Spaß? Gute Frau, nicht? Jetzt reicht’s aber langsam! … Nein, danke, Omar, mach es ihr bitte selbst.



[sb_grandparent]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.