Kupplung

Auch der Inhaber der Pension ist inzwischen wieder aufgetaucht: Na, hattet ihr einen schönen Tag? Sehr gut. Ihr könnt gerne zusammen ein Zimmer haben. Da habe ich nichts dagegen. Da könnt ihr zusammen duschen und alles. Kein Problem. Was ist mit dem los? Seine Großzügigkeit in Ehren, aber ist der nicht etwas eilig? Danke, wir werden es uns überlegen.

Wieso überlegen? Ich sehe, daß ihr euch gut versteht, was gibt es da zu überlegen? Wenn diese Kuppelei nicht so einen aufdringlichen Beigeschmack hätte, wäre dagegen ja nichts einzuwenden, aber so klingt das recht unromantisch. Der Mann hat wohl zu viele amerikanische oder sonstige freizügigere Spielfilme gesehen, oder er will einfach großmütig sein. Dieses Angebot scheint auch Sally peinlich zu sein. Mit ihr ausgetauschte Blicke scheinen zu bestätigen, daß sie ähnlich denkt: Lassen wir seine höflichen Angebote genauso höflich über uns ergehen und gehen wir unserer Wege, ob getrennt oder gemeinsam. Lassen wir uns nicht beeinflussen! Muß das auch sein? Wäre ein wenig Zurückhaltung nicht angebrachter? Wir kennen uns schließlich erst seit wenigen Stunden. Schauen wir aus wie Leute, die nur aus Gründen des Körperkontaktes zum anderen Geschlecht in den Urlaub fahren? Vielleicht ist es nur seine Art der Gastlichkeit. Das Zögern scheint er als Mißtrauen aufzufassen. Kein Problem, ihr könnt gemeinsam ein Zimmer haben, gemeinsam duschen und alles, und ihr bezahlt nur ein Zimmer. Ihr habt nur Vorteile. Es sieht so aus, als würde er es ernst meinen, er drängt sogar darauf. Warum wohl? Vermutlich ist ihm Sally sympathisch, und er macht sich Sorgen um ihre Sicherheit und findet es besser, wenn sie als Frau einen Mann als Begleiter hat. Oder vielleicht hat er einfach Spaß daran, wenn seine Gäste zueinander finden. Und wenn er Erfolg hat, kommen die beiden jedes Jahr an den Ort ihres ersten Zusammentreffens zurück, um durch die Kraft der Erinnerung ihre Liebe aufzufrischen. Bei so jungen Leuten kann das noch viele Jahrzehnte so gehen. Später kommen dann auch noch die Kinder mit, und vielleicht kommen ein paar von denen auch öfters allein, wenn sie einmal groß sind … Kuppeln bringt Stammkunden.

Was auch immer in ihm vorgeht, er besteht fast darauf, daß seine jungen alleinreisenden Gäste zusammenziehen, und ist schier verzweifelt, als sie immer noch nicht freudig zustimmen. Was ist los mit euch? Ihr versteht euch doch gut. Wieso zieht ihr nicht in ein Zimmer? Und wieder wiederholt er sein Angebot. Er hat halt nicht damit gerechnet, daß er mit zwei Dickschädeln redet, die sich nicht gerne etwas schenken lassen, und die als Alleinreisende gelernt haben, von Natur aus mißtrauisch gegen allzu verlockende Angebote zu sein. Auch wenn er es nicht böse meint, vielleicht schafft er gerade durch seinen Kuppelversuch eine Distanz zwischen seinen beiden Gästen, nach dem Motto „jetzt erst recht nicht“ oder „so auf jeden Fall nicht“. Der Augenkontakt mit Sally bestätigt, daß sie wohl ähnlich denkt. Sie ist ja überaus sympathisch, aber wie soll man bei diesem Drängeln von außen zueinander finden? Ihm einfach zu sagen „Halt’s Maul, das ist unsere Sache“, liegt zwar auf der Zunge, und der Satz ist mehrere Male kurz davor, den Mund zu verlassen, aber er wäre einfach unhöflich. Also bleibt es bei Beschwichtigungsversuchen. Langsam, langsam. Was heißt hier langsam? Ist das kein tolles Angebot? Er wiederholt die unwiderstehlichen Details wie den niedrigen Preis und das gemeinsame Duschen. Als er aber sieht, daß er im Moment keinen Erfolg hat, gibt er schließlich vorerst auf. Überstanden.

Ein Blickwechsel mit Sally: Gehen wir gemeinsam Abendessen? Von wem der Vorschlag auch war, er wird einstimmig angenommen.



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