Black & White

Als ich am frühen Nachmittag durch eine kleine Ortschaft fahre und mich eher nebenbei und aus Gewohnheit nach einem Lebensmittelladen umschaue, treffe ich wieder einmal auf eine Menge Menschen. Dabei komme ich mit ein paar jungen Männern ins Gespräch, die mir sofort anbieten, mir bei der Suche nach einer Unterkunft zu helfen. Da ich aber noch keine zwanzig Kilometer gefahren bin, möchte ich doch noch weiter. Das sehen die anderen auch ein und wir beschränken uns auf Gesprächsthemen wie Marokko, Deutschland, die Welt und das Wetter. Der Reichtum Deutschlands wird auch angesprochen. Einer deutet auf meine braungebrannten Arme und danach auf seine, die auch nicht so viel dunkler sind. Dann zeigt er zur Sonne und hält die Hand an seine Stirn, als ob die Sonne sein Hirn verbrennen würde. Die Haut und den Kopf: Die Sonne macht uns alle gleich.

Ob er meint, dass die Hitze in Marokko den Verstand schädigt und das Land deswegen ärmer ist? Für mich als Europäer wäre das als Rechtfertigung für überhebliche Außen- und Entwicklungspolitik recht praktisch.

Geschädigt wird meine Kondition zumindest durch die Hitze des frühen Nachmittags und durch eine lange Steigung. Hier scheint es keine geraden Strecken zu geben, und es geht fast immer bergauf. Aber der Tag wird kommen, an dem es wieder bergab geht. Hoffentlich ist an dem der Straßenbelag gut.

Als die Straße durch ein von niedrigen Dornenpflanzen und Steinen bewachsenes sanft hügeliges Stück Land führt, in dem man nur vereinzelt kleine Häuser sieht, winkt mir ein einzelner Mann zu und bittet mich mit Handzeichen, stehen zu bleiben. Er ist gut dreißig und macht mich mit seinem besten Freund bekannt, der in einer Flasche wohnt und Black & White heißt. Zögernd nippe ich an dem Fusel. Bei dir zu Hause gibt es wohl bessere Sachen?

Was der wohl will? Er scheint auf der Arm und Reich – Welle zu reiten. Und er will mich in sein Haus einladen. Da momentan keines sichtbar ist, gehe ich mit, um mir ein klareres Bild von ihm machen zu können. Wenn er nicht an Vertrauenswürdigkeit zulegt, bis sein Haus in Sichtweite ist, kann ich mich immer noch unter einem Vorwand absetzen. Schließlich spreche ich noch schlechter Französisch als er und kann mich immer auf ein Missverständnis herausreden.

Der angetrunkene Mann führt mich stracks in die Dornsteppe, auf einen kaum erkennbaren Pfad. Dabei nimmt er einen Schluck nach dem anderen, nicht ohne mir wiederholt etwas anzubieten, und faselt über Geld, Alkohol und Freundschaft. Diese Themen machen mich jede für sich und erst recht in dieser Zusammensetzung eher mehr misstrauisch. Als ich merke, wie schwer es ist, dort ein Rad zu schieben und wie angriffslustig die Dornen die schmalen und etwas abgefahrenen Reifen anstarren, bestehe ich darauf, das Rad wieder auf die Straße zu schieben. Da bleibt ihm nichts übrig, als mitzuwanken, während er das Gewicht seines Lebenselixiers immer mehr von der Flasche in der Hand in das Innere seines Körpers verlagert. Das gibt einen günstigeren Schwerpunkt. Ich selbst lehne immer wieder ab, da ich ja mein Rad zum Festhalten habe.

Als der Säufer in seinem französischen Kauderwelsch wiederholt Wörter wie Freundschaft und Geld benutzt, beschließe ich, mich aus Sicherheitsgründen abzusetzen. Das Wort Freund bedeutet bei Leuten, die man nicht kennt, dass sie etwas von einem wollen. Und es ist nicht auszuschließen, dass er dringend Geld braucht. Alkohol ist in Marokko sehr teuer. Das erzählt mir der Mann sogar zwischendurch. Gerade als feststeht, dass ich seine Gastfreundschaft nicht ausnutzen will und ich ihm das sage, nähert sich von Weitem hörbar von hinten ein Auto. Ich nutze die seltene Gelegenheit, um mich auf das Rad zu schwingen, dem leicht torkelnden Begleiter Lilalika zuzurufen und kurz vor dem Auto die Straßenseite zu wechseln. Der abgelehnte Gastgeber kann nur noch ein überraschtes Hääöäh grölen; als das Auto an ihm vorbei ist, bin ich schon fast außer Sichtweite. Manchmal ist ein schneller Antritt doch zu etwas anderem Nütze, als mitten auf einer Kreuzung durch die allzu plötzliche Beschleunigung die Packtaschen am Vorderrad zu verlieren. Das Auto ist jedenfalls gerade zurecht gekommen.



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